Oliver Scharfbier - Im Schatten meiner Batterie -
Licht / Virus / Spektakel
04.09. - 30.11.09

Oliver Scharfbier – Provisorium als Status quo

von Dorothée Bauerle-Willert

 

Oliver Scharfbiers Arbeiten können ironisch, bösartig, erinnerungslastig, subtil, schnoddrig, pathetisch oder frech sein. Immer aber leben sie durch den wagemutigen, gleichwohl sensiblen Zugriff auf lokal vorgefundenes Material, das er in vielschichtige Raumbilder und Installationen einbringt. Seine vielsträngigen Vokabulare fügen sich zu immer wieder neuen Arrangements, wobei die Art der auf den Ort bezogenen Zusammenstellung aus diskontinuierlichen Handlungsmomenten ein irritierendes Narrativ herausschlägt. In der anhaltenden Durchdringung von Ebenen, von Texten und Texturen wird Neues mit Altem gemischt, zusammengebaut, dies aber nicht für die Ewigkeit – alles sieht so aus, als ob es nur ein kurzer Halt im Vergehen von Materialien, Eindrücken, Wünschen wäre, die sogleich wieder zerfallen können.

 

Für seine Inszenierungen arbeitet Oliver Scharfbier mit Rekonfigurationen, die disparate Signifikantenketten mischen, wobei unterschiedliche Diskurse und Technologien im Verfahren der Assemblage, der Collage, des Samplings, der Bildcluster miteinander verknüpft werden. Dabei setzt er ganz unterschiedliche Techniken und Materialien ein, Skulptur, Zeichnung, Fundstücke, Malerei, Video, die dann in ihrer Interaktion auch die Modalitäten ihrer Aufführung und ihrer Herkunft reflektieren. Zugleich aber kreisen die Einzelelemente der Raumbilder um die Person des Künstlers, er ist vielleicht ihr - abwesender – Hauptprotagonist, und doch immer auch Resonanzboden, Trampolin für Fremdes, Anderes. Die Materialien, die Oliver Scharfbier einsetzt, schleppen immer schon ihre eigene Aussage als Spur, als Erinnerung, als Verletzung mit, werden dann in der Kombinatorik neu aufgeladen, nehmen frische, mitunter auch völlig gegenläufige Bedeutungsfelder an und auf. Aus einfachsten Elementen ergibt sich solcherart eine dissonante Geschichte, auch der Kunst und ihrer Möglichkeiten. Die Geste der präzisen Improvisation, die Oliver Scharfbiers Inszenierungen prägt, erzeugt eine turbulente Dichte, die auf die veränderte und veränderbare Ordnung der Dinge antwortet, auf das Netz von sich überlagernden Zeitstrukturen der flüchtigen Moderne und ihrer urbanen Landschaften mit ihren Einbrüchen von unbestimmbarer, plötzlicher Kommunikationskondensation: Provisorium als Status quo. Die Energie der Anordnungen entspringt dann dem Potential der jeweilig beherzt angegangenen Ausgangssituation, den handelnden Eingriffen, dem eingesetzten Material – und wie ein Schiff die Wellenbewegung für die eigene Bewegung nutzt, so nutzt Oliver Scharfbier den Fluß der Bilder, die Schwankungen der Eindrücke und Impulse für seine Ensembles – vielleicht nicht zufällig tauchen Floße und Schiffskörper ja immer wieder auf (und ab) in seinem mäandernden Formfindungen, wobei diese Gebilde immer auch biographische Reminizenzen bergen oder verbergen.

 

Eine neue Serie von Arbeiten setzt nun gefundene Glasscheiben-Graffiti ein, die zerstört und in plastischen Objekten zusammen mit anderem trash in neue Konstellationen getrieben werden. Die Energie, die symbolische Ladung der anomymen Graffiti bleibt in den skulpturalen Assemblagen als Spur anwesend, ihre Bedeutung, die Lesbarkeit aber wird unterminiert, wird in einen neuen Code überführt und kehrt solcherart zu einem der Strukturmerkmale des Grafittos zurück, in dem jedes Element nur als variabler struktureller Term Sinn annimmt, wobei die Chiffren als solche keine eigentliche Botschaft oder Inhalt haben, es sei denn eine Art Selbstbehauptung – jenseits romantischer Identitätsentwürfe. Oliver Scharfbier bricht mit der Kombinatorik der vorgefundenen Zeichen, interpretiert den Einbruch der Graffiti in die linguistische/piktorale Monotonie der Städte neu, wenn er ihre Fragmente zu poetischen Raumbildern transformiert und als kühne Montage von Bruchstücken verschiedener kultureller und medialer Provinienz ins Werk setzt. Seine szenischen Anordnungen reflektieren und interpretieren die wilden Interventionen in den städtischen Raum, indem er den Prozeß ihrer Produktion listig umkehrt und die – illegalen, im Handstreich entstandenen – Malereien aus ihrem Ort herausbricht und in eine andere öffentliche Sphäre, die der Kunst, transplantiert. Zugleich wird durch solche Transfers die ambivalente Wertung der Graffiti zwischen Schmiererei und Kunst subversiv neu befragt. Skulpturale Figuren, ebenfalls aus den objets trouvés der Örtlichkeit zusammengebaut, so der Surviver mit Silberfelge, ein geschwinder Windsegler oder Der 13. Krieger wie auch seine Modifikation, das Lichtfloß Die Rückkehr des 13. Kriegers, zwei Skulpturen, die im Titel zurückblenden auf den gradlinig, naiv und rasant erzählten Actionfilm, der selbst schon ein Gemenge aus unterschiedlichen Mythen ist und mit düsteren Bilder und diabolischen Soundeffekten den »Clash of Civilisations« clever in eine Abenteuerhandlung verpackt - mit klarer Message: Man muß einander zuhören (ja, ja), um kulturelle Differenzen zu überwinden. Solche Assemblagen können dann durch Textbilder facettiert und aufgebrochen werden: Bei Scharfbier sind alle Dinge im Raum eingespannt in ein irritierndes, luzides Spiel und Widerspiel - es scheint, als ob alles zusammen ein Feld zwischen Sinnsuche und Sinnverneinung entstehen läßt, wobei der Künstler nicht mehr als alleiniger Konstrukteur von Sinn dasteht, sondern abgelöst wird von einem vielstimmigen, anonymen Chor, in dem sich ganz verschiedene Haltungen, Meinungen, Vokabulare kreuzen – ein dynamischer Ort von Ereignissen.

 

Zu diesem pluralen Konzert, das jeweils neu aufgeführt wird, passt dann auch, daß einige der Werkgruppen oder einzelne Arbeiten Freunden gewidmet wurden; beispielsweise das Buch Mega Amerika, erschienen zur Premiere von Oliver Scharfbiers Dokumentarkunstfilm PamPoomPam, seine Hommage an drei Freunde und wichtige Wegbegleiter in Diskussionen um die Kunst.

Im Jahr 2002 gab er das Konzert für Almas Corovic und nun für die Galerie zone B in Berlin die Große Trommel als Partitur für Björn Achilles, die in der Ausstellung Im Schatten meiner Batterie – Licht/Virus/Spektakel zur Aufführung kommt. Schon der Titel der Inszenierung provoziert und balanciert verschiedene Lesarten oder Interpretationsversuche, lebt von persönlichsten, aber auch gesellschaftlichen Implikationen, die dann die Einzelelemente der Raumanordnung (und den Betrachter) wie in einem Netz fangen, gefangennehmen oder auch irreleiten. Die Batterie ist natürlich der Energiespeicher, läßt aber auch das französische Wort für Drum/Schlagzeug anklingen. Wir alle leben mit Debord in der Gesellschaft des Spektakels als einer Scheinwelt aus Clichés, Propaganda, Surrogaten mit ihren Pseudofesten, mit den Parodien des Dialogs und der Gabe, wir sind infiziert und infiltriert von Erwartungen, Einflüssen und Einflußangst: seit Flavin ist der Einsatz von Neon seiner ursprünglichen Bedeutung zum Trotz ja nicht mehr neu. In Oliver Scharfbiers Raum wird die Lichtkunst aus Kunstlicht eher beiläufig weitergetrieben und Flavins spirituelle Überhöhung der Minimal Art wird noch einmal und überraschend angereichert. Natürlich kreist der Titel auch um die Batterie von deutscher Geschichte, die uns mit Sinn und Last belädt oder er identifiziert unsere Geschichte als Batterie für den Künstler, als Vermächtnis und Quelle des kreativen Anders- und Bessermachens. Oder bezieht er sich auf die Kunst als Energie-Wandler, ist die Batterie hier gemeint als Motorenersatz in schwachen Zeiten, ein Reststromspeicher des Guten? Ganz nonchalant und ohne Schrecken vor großen Themen läßt Oliver Scharfbier solche Deutungen zu, zugleich entzieht sich das Gesamt der Inzenierung einer einsinnigen Fixierung, bleibt im Schatten der Verantwortung. Die große Trommel, ein Gebilde, das auf den ersten Blick ein Solarium oder einen grell beleuchteten Operationstisch assoziieren läßt, wiederum aus Leuchtstoffröhren gebaut, lapidar gesockelt, oszilliert zwischen Einpassung und Gegenläufigkeit in und zum frei schwebenden Titel, entwirft in seiner schillernden Artverwandtschaft neue Bögen und Fragen. Die Fragmente der Ausstellung sind vieldeutig und leben doch von der einmaligen Präsenz und von der bewegung in ihr: Im Zusammenklang mit den ‚Bildern’, dem poetischen Text Ich jedoch entfliege auf pinkfarbenen Grund und dem Klebestreifen-Gitter auf spiegelnder Fläche, die den Betrachter ins Bild hineinzieht, ergibt die Installation für die Galerie zone B eine Rebusfolge (Rebus = durch die Dinge) aus Bildern und Zeichen, verstörend, luzide, subversiv und kühn.