Plakat zur Ausstellung, 2008
o.T. aus Rare Animals and Numbers, 29,7 x 42 cm

Antje Dorn - Rare Animals And Numbers

Vernissage Fr. 12. September, 19 Uhr

12.09. - 03.11.2008

 

„Rare Animals and Numbers“ lautet der Titel der neuen Arbeit von Antje Dorn als auch der Titel der nächsten Ausstellung in der zone B, Berlin.

 

Ungeachtet der Allgegenwart digitaler Zahlenimperien von Null- und Einerkombinatoriken und den zunehmenden, teils wissenschaftlichen Klonversuchen zu „ein und dem gleichen Tier“, entwickelt Antje Dorn ein Universum von seltenen Tieren und analogen Zahlenkörpern.

 

Diese Körper bestehen aus freien radikalen Zahlenkombinationen von Null und Eins bis Neun.

 

Mit Kohle und Tusche zeichnet sie auf teils großformatige Blätter (200 x280 cm) eine Partitur seltener Tiere in einer Welt räumlich manifester heiter-entrückter Zahlengebilde.

Bereits in COOKIE PARK von 1995 entwirft Antje Dorn eine virtuose Entzifferungsmaschine in Form eines umfangreichen Nachschlagewerkes, das durchaus die Grundlage für die Weiterentwicklung Ihrer Arbeit zu den jetzigen Erfindungen von „RARE ANIMALS AND NUMBERS“ bildet. Die an die Tektonik der Architekturgebäude der im letzten Jahr in der zone E in Essen gezeigten Arbeit " IMBISSE" von 2003 erinnernden Zahlenkörper formen den Lebensraum einer äußerst selten anmutenden Fauna. Die den Bild-Raum durch perspektivistischen Zauber bestimmend modulare Ziffernwelt, verweist auf Giottos Vorwegnahme der Perspektive.

 

Antje Dorn schafft durch minimalistischen Einsatz einen räumlichen Ziffernwald,

eine Partitur der autonomen Ziffern und Zeichen, einen, durch Takt, Rhythmus, Kadenzen und Spannungen bestimmten Klangwald, in dem sich die erfundenen Tiere zu Hause fühlen.

 

Als ob die omnipotent-allgegenwärtige Präsenz der Zahlencodes unseres Alltages in entfremdet- entzückten Zahlenleibern vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahre, Monate, Wochen, Tagen, Stunden, Sekunden, 10tel- Sekunden ,-hundertstel, -tausendstel- Sekunden...etc...in der Umsetzung zu einem irreal existierenden Zahlendschungelparadies würde.

Als ob uns immerdar und ewig instrumentierende Zahlen von Messcodes wie Einheiten in Kilometer, Meter, Zentimeter, Millimeter, Zehntel-, Hundertstel-, Tausendstel...-Millimeter etc. eine Welt suggerieren, orientieren, prognostizieren, falsifizieren, korrigieren, ratifizieren und manipulieren, die völlig erfasst, bis in die kleinste Einheit mit unzähligen Zahlen, die dünner als Schnitte mit Rasierklingen, alles und jedes sezieren um es dann wieder Zusammenzufügen.

 

Ohne das richtige Zusammenfügen kein Geld am Geldautomaten, kein Zugang ins Internet, keine Mail an die Geliebte.

 

Die Omnipräsenz der Zahlen hat in der Kunst längst „eighteen“ und auch „twenty“ geschlagen. Höchste Zeit das seltene Tiere und Zahlen den Dschungel bereichern und uns in ein künftiges Paradies geleiten. Knut Wolfgang Maron

Matrix des Alltags
Eine zeichnerische Zeichenrecherche
von Andreas Steffens

Geschieht es lange genug mit Erfolg, vergißt man schließlich, wie man lebt. Dieses Vergessen ist eine wesentliche Voraussetzung einer funktionierenden Zivilisation. Die zum Überleben in ihr erforderlichen Fertigkeiten müssen so ‚automatisch’ beherrscht werden, dass über ihre Anwendung nicht mehr nachgedacht werden muß. In diesem Sinn gilt, dass die selbsterhaltende Lebensführung auf der Unkenntnis ihrer Praktiken beruht. Um leben zu können, darf man nicht wissen müssen, was man dazu können muß. Das Lebenswissen überflüssig zu machen, und den Lebenserfolg des Daseins nur noch an die Geläufigkeit seiner Anwendung zu binden, ist die Leistung der Kultur. In dieser Hinsicht ist die Zivilisation des öffentlichen Bildes, das unsere Lebensabläufe reguliert, von einer allgemeinen Unkenntnis der Kulturleistung gekennzeichnet, auf der sie beruht: des Zeichens.

 

Der ästhetischen Erkundung des Zeichens ist der künstlerische Einsatz Antje Dorns seit langem gewidmet. In wechselnden Serien, die sie jeweils um eine Ideenerkundung gruppiert, verwendet sie in virtuoser Beherrschung eine der klassischen Techniken des künstlerischen Ausdrucks, die ihr dazu gerade am angemessensten erscheint, sei es die Malerei, sei es die Fotografie.

 

Damit demonstriert sie in überzeugender Souveränität, dass Künstlertum heute nicht mehr in der Ausübung eines künstlerischen Metiers, welcher Technik auch immer, besteht, sondern in der Ausübung einer Virtuosität , die sich ihre Darstellungsmittel von Fall zu Fall sucht und verschafft, wie es die ästhetische Aktivität einer existentiellen Intelligenz der Zeitgenossenschaft erfordert.

 

In ihrer jüngsten Serie „Rare Animals and Numbers“ macht Antje Dorn von der Zeichnung Gebrauch.

 

Mit ihr unterwirft sie ihrer Langzeitrecherche das für jede Zeichenbildung konstitutive sensomotorische Vermögen des Menschen: das Zeichnen. Dabei setzt sie Grundzeichen wie die Zahlen und Buchstaben einem zeichnerisch-imaginären Prozeß der Formgebung und skulpturalen Vergegenständlichung aus: die Abstraktionen, die unser Leben regeln, gewinnen räumliche Präsenz, die sie selbst zu Gegenständen in der Welt machen, die ihre Verwendung hervorgebracht hat.

 

In diesem künstlerischen Akt behauptet die menschliche Verfassung leiblicher Welt- und Selbstwahrnehmung ein Stück Wirklichkeit gegen die extremen Abstraktionen, auf deren technologischer Vernetzung die Lebenswirklichkeit in der elektronischen Zivilisation beruht. Deren Angehörige sind ihren Ordnungen so hilflos versponnen und absurd verspielt ausgesetzt, wie die ‚seltenen Tiere’, die sich im Netz dieser gezeichneten Zeichenskulpturen verfangen.

 

Anders als die Tradition der ‚Konzeptkunst’ legt es diese Zivilisationskritik mit künstlerischen Mitteln jedoch nicht auf eine Denunziation der Verhältnisse an, die sie vorfindet. Antje Dorn geht es um die ästhetisch-sinnliche Darstellung der elementaren menschlichen Leistungen, die ihnen, wie manipulatorisch auch immer, unverändert zugrunde liegen. Dadurch, dass sie die Zeichenstruktur der Zivilisation ernst, und in das Spiel der künstlerischen Imagination hinein nimmt, indem sie die subkulturelle Formensprache der Comics und Graffiti mit einer streng kalkulierten, und virtuos ausgeführten weiteren Drehung ihrer naiven Reduktionsbewegung artifiziell weitertreibt, entsteht eine heilsame Weltdistanz. In deren Schutz eröffnet sich die Möglichkeit ihrer Erkenntnis durch die Gestaltung einer individuellen Wahrnehmung der Zivilisation in ihren elementaren Vorgängen des Bezeichnens und Verweisens, des Verbindens und Trennens.